(c) Freelancer0111. http://www.pixelio.de

03.05.2010: Kriterien und hygienische Anforderungen der Reinigung von Reinräumen

Die ultimative Herausforderung

Ursprünglich wurden Reinäume für die Produktion von Hightech-Produkten konzipiert, da hier bereits mikroskopische Verunreinigungen die Produkte unbrauchbar machen. Doch auch die Lebensmittelindustrie setzt neuerdings verstärkt auf die Reinraumtechnologie. Ein Grund dafür: Die Haltbarkeit von Lebensmitteln, die in Reinräumen verarbeitet und abgepackt werden, verlängert sich um bis zu 50 Prozent und mehr. Voraussetzung dafür ist allerdings die hygienegerechte Reinigung der Reinräume.

Die benötigte Luftreinheit wird durch Mehrfachfilterung der Umgebungsluft erreicht. Dabei werden der Luft ihre Partikel - Schwebeteilchen, die bei schräger Sonneneinstrahlung sichtbar werden - nach und nach entzogen. Die Filter bestehen aus speziellen HEPA-Filtern (high efficiency particle filter), die Schwebeteilchen von bis zu 0,5 µm herausfiltern können. Zum Vergleich: eine Bakterienzelle hat ungefähr die Größe von 2 µm. Während sich auf einem Partikel befindliche Mikroorganismen in der Raumfahrt als physikalische Kontamination gewertet werden, gelten sie in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie als biologische Kontamination. Die gefilterte Luft fließt von der Decke auf den Boden, wobei oft ein laminarer (= nicht turbulenter) Luftfluss angestrebt wird.
Reinräume werden in Klassen eingeteilt, wobei noch oft auf Bezeichnungen wie 10, 100, 1.000, 10.000 anzutreffen sind. Entsprechende Werte stehen nach (dem nicht mehr gültigen) US Federal Standard 209 E für die Anzahl der Schwebeteilchen pro Kubikfuß (= 28,3 Liter). Heute wird die Anzahl der Partikel pro Kubikmeter berechnet und entsprechend der aktuellen Norm (DIN EN ISO 14 644-1) als Partikelreinheitsklasse 1 bis 5 angegeben. Da mit der Partikelfilterung eine Reduktion der toten als auch lebenden Partikel (Mikroorganismen) erreicht wird, können Reinräume auch in der Pharma- und Lebensmittelindustrie eingesetzt werden. In der Lebensmittelindustrie trägt keimarmes Verpacken im Reinraum dazu bei, die Haltbarkeit von Backwaren zu verbessern.

wfkReinigung von Reinräumen
Obwohl ein Reinraum ausschließlich mit sauber gefilterter Luft versorgt wird, besteht eine ständige Kontaminationsgefahr des Produkts durch die im Reinraum arbeitenden Menschen. Letzteres stellt den Produktionsverantwortlichen vor ein großes Dilemma, da zum einen die Partikel entfernt werden sollen, zum Anderen jedoch keine neuen Partikel durch Mensch und Material eingebracht werden dürfen. Die überwiegend auf manueller Basis durchgeführte Reinigung kann somit als die „ultimative Herausforderung“ betrachtet werden. Der Schutz vor Kontamination des Reinraums ist also in erster Näherung der Schutz vor Kontamination durch die dort anwesenden den Menschen. Aus diesem Grund ist die Anzahl der Menschen im Reinraum begrenzt und das Betreten nur mit korrekt angelegter Schutzkleidung erlaubt. Darüber hinaus gelten bestimmte Verhaltensregeln. Beispielsweise sind ruckartige Bewegungen zu vermeiden, da dies zu Spalten führt, durch die Partikel ungehindert entweichen.

wfkWo liegen die Besonderheiten?
Die Reinraumreinigung kann als Reinigung unter erschwerten Bedingungen betrachtet werden – die Reinigungstechniken sind jedoch nicht Neues. So wird auch hier zwischen Grob- und Feinreinigung unterschieden. Bei der Grobreinigung können Wassersauger, Abzieher, Bürsten, und Haftrollen zum Einsatz kommen. Erst danach erfolgt die Demontage vorhandener Maschinen. Falls Sauger eingesetzt werden, sind diese mit einer zentralen Einheit verbunden, bzw. mit ULPA (ultra low particle) oder HEPA-Filter ausgerüstet.
Eine wichtige QM-Maßnahme zur Einhaltung der Qualität der Grobreinigung ist die regelmäßige Reinigung solcher Geräteteile, die ständig in Kontakt mit dem Grobschmutz sind. Bei der Feinreinigung setzt man auf methodisches und präzises Reinigen mit für den Reinraum entwickelten (partikelarmen) Wischern und Tüchern. Oft werden spezielle Falttechniken eingesetzt, um partikelarmes Wischen zu gewährleisten.

Das Feuchtwischen ist dabei weiterhin das Mittel der Wahl, da ein feuchtes Textil zum Einen eine höhere Affinität zum Schmutz hat und zum Anderen die Flüssigkeit dazu beiträgt Bindungen zwischen Schmutz und Oberfläche zu lösen. Beim Nasswischen würde es leicht zu einer Rekontamination durch aus dem Textil entweichenden Schmutze kommen. Wischbezüge und sonstige Textilien sollten so konstruiert sein, dass Schmutze bei der kommerziellen Aufbereitung in einer Wäscherei leicht zu entfernen sind. Falls eine Desinfektion erfolgen soll, werden die gereinigten Flächen mit sauberem Wasser nachgespült, um Reste von Reinigungsmitteln zu entfernen. Letzteres kann im schlimmsten Fall zu einer Hemmung des Desinfektionsschrittes führen. Die Reinheit der gereinigten Oberflächen kann mit Hilfe von UV-Licht, Klebeband, oder durch Abspülen ermittelt werden. Zur Kontrolle wird das Spülwasser anschließend physikalisch, chemisch oder mikrobiologisch analysiert.

Partikelabgabe und -aufnahme durch Textilien

Im Reinraum dürfen nur für die jeweilige Reinraumklasse zugelassene Textilien eingesetzt werden. „Normale“ Wischtextilien wie Wischbezüge aus Baumwolle sind im Reinraum nicht erlaubt, da dieses Material bei mechanischer Beanspruchung eine sehr hohe Anzahl an Fasern und Partikeln freisetzt. Wischbezüge, Lappen, Reinraumbekleidung und andere wiederverwendbaren Textilien sollen so konstruiert sein, dass aufgenommene Partikel während des Waschprozesses sich wieder ablösen lassen. Für solche Aufgaben eignen sich insbesondere Materialien, die eine glatte Faseroberfläche besitzen, wie Polyesterfasern. Die Anforderungen an die Faser- und Partikelabgabe bei mechanischer Belastung gelten auch für die Schutztextilien, deren Hauptaufgabe ist, eine Schutzbarriere gegen die vom Menschen produzierten Partikel zu bilden. Entsprechende Funktionskleidung wird aus Polyester-Mikrofasern gewebt. Aus solchen Geweben könne dann partikeldichte und trotzdem leichte und angenehm zu tragende Textilien konfektioniert werden. Letztlich hängt die Barrierewirkung gegenüber pathogenen Keimen immer davon ab, wie das Textil getragen wird. Auch das dichteste Gewebe wird seine Wirkung nicht entfalten können, wenn es offen am Hals und an den Armen getragen wird.

Strategien zur Reinraumreinigung
Je nach Anforderung des Reinraumbetreibers müssen Eimer, Pressen, Wischbezüge, Abfallbehälter, Wischer und Tücher, Reinigungs- und Sterilisationsmittel, Spender, Stühle, Leitern und Wasser- oder Staubsauger entweder desinfiziert oder sterilisiert werden. Je nach Material werden bei der Desinfektion-, bzw. Sterilisation in der Lebensmittelindustrie Chemikalien oder Hitze eingesetzt. Im Pharmabereich kommt zudem radioaktive Strahlung zum Einsatz. Polyestermaterialien können beispielsweise im Gegensatz zu Baumwollgeweben gut radioaktiv bestrahlt werden. Für die Aufbereitung der anfallenden Berufswäsche (Reinigung und Desinfektion) sollte nur hygienezertifizierte Dienstleister in Betracht kommen. Solche Wäschereien (zum Beispiel Wäschereien mit auf RABC-basierenden Hygiene-Management-Systemen) besitzen nicht nur geeignete Verfahren für das desinfizierende Waschen, sondern auch Systeme zur Kontrolle der Gefahr einer Rekontamination bereits gereinigter Textilien.
Betriebe mit HACCP- oder GMP-basierten Hygiene-Management-Systemen stellen besonders hohe Anforderungen an die Dokumentation der angebotenen und durchgeführten Leistungen. Aufgrund der vielfältigen Gestaltungs- und Konstruktionsmöglichkeiten wird es nicht möglich sein, spezielle Empfehlungen für einzusetzende Reinigungstechnologien zu geben. Es gibt jedoch gewisse Grundregeln, die bei der Entwicklung einer Gute Hygienepraxis beachtet werden sollten. Als Erstes sollten die an den Reinraum angrenzenden Bereiche mit in das Hygienemanagement einbezogen werden. So könnte beispielsweise das Prinzip gelten, dass öfter und gründlicher gereinigt wird, je näher man dem eigentlichen Reinraubereich kommt. Als Zweites sollte man Überlegungen dazu anstellen, in wie weit oft gestellte Bedingungen an die Reinheit der Reinigungs- und Desinfektionsmittel notwendig sind, da hier eine großes Einsparpotential liegt. TW
http://hygiene-for-cleaners.eu

Der Beitrag basiert auf den Ergebnissen des LEONARDO DA VINCI Projekts "Modifizierung und Transfer der Ergebnisse des LEONARDO DA VINCI Projekts D/03/B/F/PP-146 082 zur Aus- und Weiterbildung von Gebäudereinigern im Bereich der Lebensmittelhygiene“, die unter der Leitung des wfk-Forschungsinstituts für Reinigungstechnologie e.V. erarbeitet wurden.


Branchentreff in Sachen HD
Vom 28. Februar bis 1. März findet im Rahmen der Lounges 2012 in Karlsruhe zum sechsten Mal die HygieniCon statt. Das in der Vergangenheit vielfach gelobte Lounge-Konzept mit seinem besonderen Ambiente für Aussteller und Besucher wird 2012 erneut aufgegriffen. Zusammen mit den anderen Themenbereichen der Lounges 2012 wird dabei das Thema Hygienic Design branchenübergreifend dargestellt.
Lesen Sie online mehr dazu...


Messen mit hoher Genauigkeit
Die regelmäßige Reinigung bzw. Sterilisation von Prozessanlagen ist eine notwendige Voraussetzung, um einer Verunreinigung der Produktionscharge durch Mikroorganismen vorzubeugen. Zur Qualitätsüberwachung muss dabei u.a. die Sterilisationstemperatur in Rohrleitungen permanent kontrolliert werden.
Lesen Sie online mehr dazu...


Inhalt der aktuellen AusgabeVorschau der aktuellen Ausgabe

kostenloseN Newsletter abonnieren

Bitte ausfüllen.Mindestens das @-Zeichen fehlt
LT-Logo
Die Branchenplattform Nummer 1 für die Lebensmittelindustrie. mehr...