15.02.2012: 2012 ist mit zahlreichen Übernahmen zu rechnen
Der Aufschwung erreicht die Branche
Die Ernährungsindustrie blickt sehr optimistisch in das Jahr 2012. Zu diesem Ergebnis kommt die AFC Management Consulting AG nach einer telefonischen Befragung von rund 150 repräsentativ ausgewählten deutschen Unternehmen der Branche. Seit 2004 werden jährlich die jeweiligen Geschäftsführer oder Inhaber zu geplanten oder bereits getätigten Übernahme- oder Erweiterungsinvestitionen, sowie Betriebsverlagerungen und bevorzugten Standortfaktoren befragt. Im folgenden stellen wir die Studie vor, die auch in LT 1-2/2012 veröffentlicht wird.
Den Ergebnissen der Studie zufolge, die sowohl die Branchenstruktur als auch die verschiedenen Größenklassen der Ernährungswirtschaft innerhalb der Top-1.000-Unternehmen widerspiegelt, planen 40 Prozent der befragten Unternehmen in den kommenden 24 Monaten Übernahme- oder Erweiterungsinvestitionen durchzuführen. Speziell die großen Firmen wirken sehr investitionsfreudig. Bei den Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern zeigen 67 Prozent eine große Bereitschaft für Übernahme- oder Erweiterungsinvestitionen. Mittelgroße Firmen mit einer Mitarbeiterzahl zwischen 250 und 500 bleiben mit 44 Prozent hinter den großen Betrieben aber auch hinter dem eigenen Wert von 2010 zurück. Das entspricht einem Minus von 17 Prozent gegenüber 2010. Die kleineren Betriebe mit bis zu 100 Mitarbeitern verhalten sich mit einer Zustimmung von 29 Prozent ebenfalls eher reserviert. Das Resultat bestätigt aufs Neue, dass mit steigender Unternehmensgröße generell auch die Investitionsneigung zunimmt. Kleinere Betriebe sind bemüht ihren Betrieb zu erhalten, ggf. organisch zu wachsen. Üblicherweise verfügen große Unternehmen über das nötige Kapital und sind bestrebt, durch Übernahmen oder Erweiterungen weiter zu wachsen. Im nächsten Jahr sind der AFC-Studie zufolge besonders viele Übernahmen zu erwarten.
Investitionsbereitschaft der Milchbranche steigt
Je nach Teilbranche präsentieren sich die Unternehmen sehr unterschiedlich. So zeigt sich besonders die Milchbranche, im Vergleich zu den Wettbewerbern anderer Industriezweige, sehr expansionshungrig. Mehr als die Hälfte der befragten Milchverarbeiter plant innerhalb der nächsten zwei Jahre Betriebserweiterungen durchzuführen. Bei den Herstellern alkoholischer Getränke sind es lediglich 20 Prozent der befragten Unternehmen.
Den größten Rückgang ihrer Investitionsneigung verzeichnen laut AFC die fleischverarbeitenden Unternehmen. Planten im vergangenen Jahr noch 50 Prozent ihren Betrieb zu erweitern, sind es aktuell nur noch 33 Prozent. Der intensive Konsolidierungsprozess der letzten Jahre scheint sich hier zu verlangsamen. Die Milchverarbeiter liegen mit ihren Planungen nicht nur im Spitzenfeld der Teilbranchen, sondern zeigen auch eine große Steigerung der Investitionsbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr (+18 Prozent). Vermutlich geht dieser Investitionshunger aus der anhaltend hohen Nachfrage nach Milch- und Molkereiprodukten am Weltmarkt hervor. Unentwegt rückläufig ist die Tendenz der Unternehmen, Betriebsverlagerungen durchführen zu wollen. Nur ein Prozent der befragten Unternehmen plant in den kommenden 24 Monaten ihren Betrieb oder Teile des Betriebs an einen anderen Standort zu verlagern (- vier Prozent gegenüber 2010). Auch hier existieren wieder Unterschiede zwischen den einzelnen Teilbranchen der Ernährungsindustrie. Beabsichtigten im vergangenen Jahr noch zehn Prozent der Milchverarbeiter einen Betrieb an einen anderen Standort zu verlagern, bestätigt aktuell keines der befragten Unternehmen ein derartiges Vorhaben. Ebenso zurückhaltend reagieren die Hersteller alkoholischer Getränke und planen aktuell keine Betriebsverlagerungen. Allein bei den fleischverarbeitenden Unternehmen überlegen drei Prozent, einen Betrieb innerhalb der nächsten zwei Jahre zu verlagern. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass Betriebsverlagerungen in der Ernährungsindustrie kaum noch ein Thema darstellen. Für kürzlich übernommene oder zeitnah zu übernehmende Betriebe scheint es also gute Voraussetzungen für eine Fortführung des Betriebs am alten Standort zu geben.
Das Interesse an ausländischen Märkten steigt
Obwohl der deutsche Standort weiterhin für Investitionen von den befragten Unternehmen deutlich bevorzugt wird, planen sie zunehmend auch Märkte außerhalb Deutschlands zu erschließen. Gaben 2010 noch 93 Prozent der Befragten an, ausschließlich auf dem deutschen Markt zu investieren, sind es aktuell nur noch 87 Prozent. Dagegen können sich acht Prozent der Betriebe vorstellen, sowohl im In- als auch im Ausland zu investieren, ein Prozent präferiert ausschließlich das Ausland.
Auch hier sind es die großen Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern, die zu 21 Prozent Interesse sowohl an inländischen als auch ausländischen Standorten bekunden. Kleine Firmen verhalten sich bezüglich der Auslandsengagements zurückhaltend und bevorzugen das Inland. Sie verfügen häufig nicht über das nötige Kapital oder Größe, um die mit größerem Risiko behaftenden Investitionen im Ausland zu tätigen. 17 Prozent der milchverarbeitenden Unternehmen können sich vorstellen, zukünftig auch eigene Standorte im Ausland zu betreiben. Demgegenüber spielen Standorte außerhalb Deutschlands für die Hersteller alkoholischer Getränke und fleischverarbeitenden Unternehmen, mit fünf bzw. drei Prozent Zustimmung, eine deutlich geringere Rolle.
Innerhalb Deutschlands werden für Übernahme- bzw. Erweiterungsinvestitionen besonders die Bundesländer Nordrhein- Westfalen, Niedersachsen und Bayern bevorzugt. Bayern wird vor allem von den Herstellern alkoholischer Getränke und den milchverarbeitenden Betrieben, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen vor allem von Fleischereien bevorzugt. Dies spiegelt jedoch nicht in erster Linie Wanderungstendenzen in diese Länder wider. Vielmehr handelt es sich bei diesen Bundesländern zumeist um die Heimatstandorte der entsprechenden Branchen und Unternehmen. Nach wie vor erfolgen auch dort die meisten Investitionen.
Knapp die Hälfte der Unternehmen, die im Ausland neue Standorte erschließen wollen, favorisiert osteuropäische Länder, während ein im Vergleich zum Vorjahr steigender Anteil von 32 Prozent auch westeuropäische Standorte bevorzugt. Auch wächst das Interesse der Firmen, zukünftig auch Standorte außerhalb Europas zu eröffnen. Gab es 2010 lediglich sechs Prozent Nennungen für außereuropäische Länder in der AFC-Studie, so sind es aktuell bereits 29 Prozent. Vergleicht man die Präferenzen innerhalb der einzelnen Teilbranchen, zeichnet sich ein heterogener Eindruck ab. Hersteller alkoholischer Getränke favorisieren den westeuropäischen Raum für mögliche Investitionen. Die fleischverarbeitenden Unternehmen konzentrieren sich auf Osteuropa. Die Milchverarbeiter verhalten sich indifferent zwischen beiden Standorten. 20 Prozent der befragten Unternehmen können sich auch Standorte außerhalb Europas vorstellen.
Unternehmen suchen verstärkt Kundennähe
Die AFC-Studie kommt weiterhin zu dem Ergebnis, dass das Investitionsvolumen der in den vergangenen zwei Jahren getätigten Investitionen gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen ist. 2010 gaben 40 Prozent der Betriebe an, Investitionen in Höhe von über eine Mio. Euro im Zeitraum von 2008 bis 2010 getätigt zu haben, aktuell bestätigen dies 52 Prozent. Bei elf Prozent der Unternehmen betrug das Investitionsvolumen sogar mehr als zehn Mio. Euro.
Wie in den vergangenen Jahren zuvor zählen für die befragten Unternehmen (22 Prozent) sowie die Rohstoffbasis zu den wichtigsten Standortfaktoren der deutschen Ernährungsindustrie. Ein weiterer Faktor ist die Standorttreue, die bei 14 Prozent der Befragten als wichtiger Standortfaktor genannt wurde. Damit ist gemeint, dass zum Beispiel Hersteller regionaler Spezialitäten schon aus diesem Grund an ihrem traditionellen Standort festhalten. Immer häufiger wird allerdings auch eine gute verkehrsmäßige Anbindung, vor allem für die Molkereibetriebe, als ein wichtiger Standortfaktor genannt. Bleibt die Frage, ob sich die Molkereibranche, den zurückhaltenden Antworten zur Betriebsverlagerung zum Trotz, vielleicht doch auf eine weitere Konzentration auf wenige Großstandorte einstellen muss? Dr. Otto A. Strecker
Download - Die Ergebnisse der AFC-Studie aus dem Jahr 2012: lesen Sie hier weiter...
Rückblick - Die Ergebnisse der AFC-Studie aus dem Jahr 2011: lesen Sie hier weiter...
Autor: Unser Autor, Dr. Otto A. Strecker, ist Vorstand der auf die Agrar- und Ernährungswirtschaft spezialisierten AFC Management Consulting AG. Die AFC Management Consulting AG mit Hauptsitz in Bonn gehört zu den international führenden Beratungsunternehmen mit ausschließlicher Spezialisierung auf die Ernährungswirtschaft sowie die vor- und nachgelagerten Bereiche. www.afc.net
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