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Der Einsatz von Erneuerbaren Energien stellt eine zentrale Maßnahme dar, weshalb im Fall der Molkerei der Einsatz einer Photovoltaikanlage und Power Purchase Agreements vorgesehen sind.
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Eine weitere Maßnahme im Transformationsplan sieht die Kraft-Wärme-Kopplung mittels Biogas vor.
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Wie können Molkereien aktiv die Energiewende mitgestalten und ihre Treibhausgasemissionen senken? Der Beantwortung dieser Frage widmet sich Bernd Lohse mit seinem Ingenieurbüro. Mit durchdachten Transformationsplänen begleitet sein Team Produzenten aus der Lebensmittelindustrie auf dem Weg zur Klimaneutralität.

DER WEG ZUR NETTO-NULL

Klimaschutz und Dekarbonisierung sind die Stichworte der Stunde. Sowohl vonseiten der Politik als auch aus dem Kundenkreis nimmt der Druck auf die Lebensmittelindustrie zu, hier aktiv zu werden. Auf dem Weg zur CO2-Neutralität ist bei der Optimierung der Prozesse und der Ermittlung von Energieeinsparmöglichkeiten der Blick von außen hilfreich – eine Aufgabe für das Ingenieurbüro Bernd Lohse. Für eine Molkerei erarbeiteten die Experten aus Winsen an der Luhe einen Transformationsplan.

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Unternehmen in der Lebensmittelindustrie stehen vor der Aufgabe, ihre Treibhausgasemissionen zu ermitteln, ihre Klimaziele zu formulieren, Maßnahmen zur Senkung der CO2-Emissionen zu identifizieren und daraufhin die Energietransformation auszurichten. Ziel dieser Transformation ist es, den THG-Ausstoß sukzessive zu senken – was die Lebensmittelproduzenten vor massive Hürden stellt. Denn diese sind bisher vor allem auf Erdgas oder Heizöl angewiesen, um ihre Prozesse mit Wärme zu versorgen. „Das Thema ist wichtiger denn je. Gefragt sind innovative Lösungen, etwa ein effizientes betriebliches Wärmemanagement, um den Energiebedarf und den CO2-Fußabdruck zu reduzieren“, sagt Bernd Lohse.

Der Gründer des gleichnamigen Ingenieurbüros aus Winsen an der Luhe verfügt über langjährige Expertise und unterstützt die Unternehmen der Branche dabei, sich aktiv in Richtung Klimaschutz auszurichten. Angesichts der Selbstverpflichtung zur Klimaneutralität bis 2045 stellte auch eine mittelständische Molkerei sämtliche ihrer Prozesse auf den Prüfstand. Ziel war es, Transparenz in Bezug auf die relevanten Scope-1- und Scope-2-Emissionen zu erhalten und mithilfe eines Dekarbonisierungsfahrplans zu reduzieren.

Die Molkerei ist mit ihren drei unterschiedlichen Produktsträngen divers aufgestellt. Dies gilt im gleichen Maße für den Maschinenpark und die jeweiligen Produktionsmengen beziehungsweise Auslastungen in bestimmten Zeiträumen. Wo genau liegen die energetischen Schwachstellen? Welche Effizienzmaßnahmen rechnen sich? Das Team um Bernd Lohse hat den CO2-Fußabdruck am Standort eingehend unter die Lupe genommen. Technologien, Anlagen, Abläufe und Nutzerverhalten wurden im Rahmen einer Ist-Analyse einer gründlichen Prüfung unterzogen. Anschließend wurden die energiebezogenen Daten ausgewertet, die Wirtschaftlichkeit verschiedener Maßnahmen berechnet und ein Ablaufplan für die Umsetzung sowie passende Förderungsmöglichkeiten vorgeschlagen.

Maßnahmen einer ambitionierten Klimaagenda

Bernd Lohse und sein Team bezogen sich auf den Corporate Carbon Footprint (CCF) für das Betrachtungsjahr 2023 und einen förderfähigen Transformationsplan (BAFA Modul 5). Dieser beinhaltet Maßnahmen zur CO2-Reduktion (Scope 1 und Scope 2) um mindestens 40 Prozent bis zum Jahr 2034. Der Bezug von Heizöl für das Werk betrug zum Zeitpunkt der Ist-Analyse rund 16 Gigawattstunden(th). Daraus resultierten Emissionen von 4.250 Tonnen CO2-Äquivalent, die dem Scope 1 zugerechnet wurden. Im gleichen Zeitraum wurden etwa 15,8 Gigawattstunden(el) Strom bezogen. Die damit verbundenen Emissionen von 6.864 Tonnen CO2 fallen ausschließlich im Scope 2 an. Inklusive der Emissionen aus Kraftstoffen für den Fuhrpark und dem direkten Ausstoß relevanter Treibhausgase wurde ein CO2-Ausstoß von 12.827 Tonnen bilanziert. In Anlehnung an den vom IBBL ausgearbeiteten Transformationsplan bedeutet das: „Für das Zwischenziel bis zum Jahr 2034 ist eine Minderung der THG-Emissionen in Höhe von 5.131 Tonnen erforderlich“, so Bernd Lohse im Gespräch mit LEBENS-MITTELTECHNIK.

Um Emissionen am Standort einzusparen, arbeitet die Molkerei seit einigen Jahren intensiv an ihrer Klimaagenda und fängt nicht bei Null an. Bereits vor dem Start des Transformationsplanes im Jahr 2023 wurden erste Maßnahmen im Rahmen des Energiemanagements nach ISO 50001 zur Steigerung der Effizienz erfolgreich umgesetzt. Diese umfassten Temperaturänderungen, Isolierungen oder neue Aggregate und sind im Transformationskonzept des IBBL als Einsparung berücksichtigt worden.

Ausgehend vom Ist-Zustand zeichnet der Transformationsplan insgesamt 22 Einzelmaßnahmen. Diese umfassen Änderungen zur Vermeidung von Abwärme, Steigerungen von Effizienzen, Umbauten von Anlagen sowie die Einrichtung von Energiespeichern zur Verfügbarmachung von Abwärme. Die Herausforderung dabei: Der Transformationsplan muss sich zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen auf die Optimierung der bestehenden Anlagen und Systeme stützen und sollte keine vollumfassenden Neubauten anvisieren. „Die Bereiche der Medienerzeugung sind von der Marktvolatilität des Produktabsatzes weitestgehend abgeschirmt, weshalb hier eine Anpassung möglich und unumgänglich ist“, erläutert Lohse.

Konkret umfasst die Konzeption Maßnahmen wie die Reduktion von Druckluftleckagen, die Modernisierung spezieller Erhitzer bis hin zur Umstellung der Wärmequelle für das Bruchwaschwasser in der Käseherstellung. Zudem soll der bestehende Milcherhitzer im Rahmen der Umstellung auf ein neues Wärmekonzept modernisiert und mit einem höheren Wärmerückgewinnungsgrad ausgestattet werden. Als erster Schritt zur Elektrifizierung der Wärmeversorgung sollen darüber hinaus Teilbedarfe der speziellen Erhitzer je nach Strommarkt-Lage mit einem Elektrodenkessel gedeckt werden.

Nachhaltige Versorgung mit Strom und Wärme

Ferner wurde eine Photovoltaikanlage zur Reduktion der Netzstrombedarfe angesetzt. Anhand des Lastganges ließ sich der Eigenverbrauch der Molkerei abschätzen: „Dieser sollte aufgrund der gleichmäßigen Fahrweise und einer Mindestlast von 900 Kilowatt im Sommer nahe 100 Prozent liegen“, so Lohse. Darauf basierend könnten in einem ersten Schritt PV-Module mit einer Leistung von 530 Kilowatt Peak auf den Dächern installiert werden. Lohse: „Da künftig höhere durchschnittliche Leistungen zu erwarten sind, beispielsweise über Wärmepumpen, ist ein weiterer Ausbau über 900 Kilowatt Peak mittel- bis langfristig empfehlenswert.“ Und noch ein Aspekt spricht dafür: Denn um das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2045 zu erreichen, muss die Nutzung von fossilen Energieträgern im Werk vollständig eingestellt werden.

Eine weitere Maßnahme im Transformationsplan sieht eine Biogasanlage mit Blockheizkraftwerk (BHKW) vor, um die in der betriebseigenen Kläranlage eintreffenden CSB-Frachten zu verarbeiten. Das BHKW liefert einerseits Strom, soll in Teilen aber auch die vorhandene Thermalölanlage sowie das neue Wärmenetz der Molkerei versorgen. Vorgesehen ist, das Blockheizkraftwerk direkt mit Biogas zu beschicken – ohne aufwändige Reinigungs- oder Methanabscheidungsverfahren. Lohse: „In den Einsparungen wird die Netto-Energie betrachtet, welche sich rechnerisch nach Abzug der Eigenversorgung der Biogasanlage mit Strom und Wärme ergibt. Technisch wäre auch eine andere Art der Bereitstellung von Wärme für die Biogasanlage möglich, etwa durch dedizierte Wärmepumpen, wodurch sich die Effizienz weiter steigern ließe. Ein Aspekt, der im Transformationsplan jedoch nicht weiterverfolgt wird und in einer Detailplanung nochmals aufgegriffen werden muss.“

Beschaffungsstrategien für grünen Strom

Hinzu kommt: Um das Ziel des Transformationsplanes zu erreichen, wäre der Zubau von Grünstrom in Höhe von 4,4 Gigawattstunden jährlich notwendig. „Die fehlenden Strommengen, die nicht durch die PV-Anlage oder Blockheizkraftwerke gedeckt werden können, müssen anderweitig bereitgestellt werden“, sagt Lohse. Unter Beachtung der PV-Produktion im Sommer und der Annahme von rund 1.500 Vollbenutzungsstunden entspräche dies einer Windkraftanlage mit drei Megawatt. Die Realisierbarkeit einer solchen Eigenanlage sieht der Experte unter Betrachtung der derzeitigen Genehmigungs- und Bauzeiten innerhalb eines für das Konzept annehmbaren Zeitrahmens allerdings nicht gegeben. Auch liegt die Molkerei in einem ungünstigen Wind-Gebiet.

Doch es gibt noch eine weitere Alternative, die Unternehmen hilft, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen: den Stromeinkauf über ein Power Purchase Agreement, kurz PPA, direkt bei den Betreibern von Windkraftanlagen und Solarparks. „PPAs sind als Stromlieferverträge zu einem Synonym der Grünstromversorgung für Industriekunden geworden. Sie ermöglichen nicht nur den Bezug von klimaneutralem Strom, sondern fördern auch den Ausbau erneuerbarer Energien durch dritte Akteure“, erklärt Bernd Lohse. Wird der Strom über solche Direktverträge verkauft, bekommen die Anlagen zwar keine Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz, aber durch die garantierte Abnahme können sich Wind- und Solarparkbetreiber trotzdem ihre Finanzierung sichern. Gleichzeitig können Lebensmittelhersteller auf diese Weise die gesetzlich geforderten Grünstromnachweise erbringen und sich durch vertraglich festgelegte Preise gegen Schwankungen an der Strombörse absichern. Hierdurch werden die Investitionen in die heimische Energieerzeugung erhöht und der Bedarf an Stromimporten gesenkt. Weitere positive Effekte sind die Reduktion der Kosten für den Redispatch im Stromsystem, welcher langfristig auch für sinkende Netzentgelte sorgen kann.

Dekarbonisierung der Prozesswärme

Im Zuge der Umstellung auf Klimaneutralität der Molkerei eröffnet die Elektrifizierung in Kombination mit thermischer Energiespeicherung einen vielversprechenden Weg zur Dekarbonisierung. „Dreh- und Angelpunkt unseres Transformationsplans ist deshalb ein Wärmekonzept, das nicht nur die Emissionen reduziert, sondern auch die Kosteneffizienz und die Energieunabhängigkeit der Molkerei verbessert“, so Lohse. Ziel ist dabei nicht zuletzt die Reduktion fossiler Wärme unter Einsatz erneuerbarer Wärme sowie der Verwendung von betriebseigener Abwärme.

Stromgebundene Wärmeerzeugung: „Für den Transformationsplan lag der Fokus (noch) nicht auf der vollständigen Eliminierung aller fossilen Energieträger. Gleichwohl wäre die Umstellung auf die ausschließliche Versorgung mit erneuerbaren Energien damit bereits zu einem großen Teil erfolgt“, erklärt Lohse. Die Anrechnung der Reduktion der Wärmebedarfe aus fossilen Brennstoffen resultiert dabei aus der stromgebundenen Wärmeerzeugung. Während die berechnete Wärmepumpe einen COP von > 2,4 erreichen kann und Teile der Wärmeerzeugung ohm‘sch erfolgen, lassen sich nach Umsetzung der Maßnahmen mindestens 2,3 Kilowattstunden aus fossilen Energieträgern durch eine Kilowattstunde Strom ersetzen. Die verbleibenden Wärmemengen aus Biogas, Propan und Dampf sind entweder in den anderen Maßnahmen des Transformationsplans berücksichtigt oder bleiben, wie im Ist-Zustand erfasst, erhalten.

Neben der Elektrifizierung bietet auch der Einsatz von Wärmespeichern bislang ungenutzte Potenziale bei der Abwärme. Die Zwischenspeicherung von nicht bedarfsgerecht erzeugter Wärme und ihre zeitversetzte Nutzung verringert die Abhängigkeit von fossilen Energiequellen, senkt die Energiekosten und reduziert die Emissionen. Teile der Abwärme der Molkerei sollen deshalb über Speichertanks für andere Prozesse nutzbar gemacht werden. Hierzu dient ein System aus zwei Tanks, respektive zwei Temperatur-Paaren. Als Wärmeträger kommt Wasser zum Einsatz. Das untere Temperaturpaar des kleinen Latentwärmespeichers der Quellen (~31/20 Grad Celsius) soll mittels Wärmepumpe auf 85 Grad Celsius angehoben werden.

Wärmequellen: Als Wärmequellen dienen die bestehenden Kälteanlagen sowie eine neue Kälteanlage, welche den Großteil der Kleinkälteanlagen ersetzen soll. Die bestehenden Kälteanlagen werden mit Druckgasenthitzung ausgestattet und, wo bereits vorhanden, werden diese erweitert. Ziel ist es, die Druckgasenthitzung zweistufig zu fahren, um im ersten Schritt für Prozesse mit entsprechender Wärmeanforderung möglichst hohe Temperaturen zu erreichen (85 Grad Celsius). Lohse: „Wenn am Standort darüber hinaus künftig eine Kältezentrale zur Versorgung aller Prozesse geplant und gebaut wird, so ließe sich das Wärmekonzept hier integrieren. Durch einen Neubau ergeben sich größere Effizienzen, als sie mit dem Bestand gegenwärtig möglich sind.“

Die zweite Stufe soll die Latentwärme für das niedere Temperatursystem bereitstellen. Weiterhin wird eine Kältemittelkondensation eingeplant. Hierbei soll das Kältemittel teilweise oder auch vollständig mit dem Temperaturpaar 31/20 Grad Celsius kondensiert werden, um die Wärme für das Wärmepumpensystem bereitstellen zu können. „Die Energiemenge aus allen Kälteanlagen würde den Bedarf an Latentwärme um 2,6 Gigawattstunden, rund 45 Prozent, überschreiten. Deshalb ist bei der Vorplanung die örtliche Lage der Kälteanlagen und der Standort des Wärmepumpensystems mit zu berücksichtigen. In unserem Wärmekonzept ist die Anbindung aller Anlagen dargestellt. Dies wird in der nahen Zukunft nicht notwendig sein, sollte aber vorgesehen werden“, erläutert Lohse. Sollten die Wärmemengen für die Wärmepumpe in einer zukünftigen Ausbaustufe wider Erwarten nicht mehr durch parallel mitwachsende Kälteanlagen gedeckt werden können, stünde alternativ die thermische Verwertung der Abwässer zur Verfügung.

Temperaturniveaus: Die für den Betrieb gewählten Temperaturen umfassen die Bereiche 30/20 Grad Celsius sowie 85/70 Grad Celsius. Das obere Temperaturpaar wurde mit 85 Grad Celsius so gewählt, um einerseits den Rücklauf der Abwärmequellen (Druckgasenthitzung) abbilden zu können und andererseits, um die Effizienz der Wärmepumpe zu optimieren. Aus technischer Sicht ist auch eine Erhöhung der Temperatur bis 95 Grad Celsius denkbar. Das untere Niveau wurde auf 70 Grad Celsius festgelegt, da dies als Mischtemperatur der Rückläufe zu erwarten ist und die Funktion der Kühlung der Druckgasenthitzung durch eine Änderung der Temperatur nicht direkt beeinflusst wird. Weitere Optimierungen bei den Großwärmeverbrauchern, den CIP-Anlagen, könnten darüber hinaus für eine Absenkung der Rücklauftemperaturen sorgen und damit die Effizienz noch weiter erhöhen.

Das untere Temperaturpaar wurde für den Kühlzweck der Kälteanlagen ausgelegt. Der Vorlauf ist so gewählt, dass er das derzeitig erwartete, minimale Niveau zur Abnahme von Wärme aus den Kälteanlagen abdeckt. Eine Optimierung hinsichtlich höherer Temperaturen ist im Detail zu prüfen und birgt Potenziale von rund sieben Prozent bei einer Anhebung des Vorlaufs auf 25 Grad Celsius. „Da die Kältekompressoren jedoch einen Mehrverbrauch im ähnlichen Prozentbereich erwarten lassen, sollte dieser Aspekt zwingend in gemeinsamer Betrachtung mit den Kälteanlagen stattfinden. Die gewählte Temperatur bildet das technisch machbare ab, ohne potenzielle Optimierungsmaßnahmen vorwegzunehmen oder andere Faktoren zu vernachlässigen“, erläutert Lohse. Letztere wären etwa die höhere Effizienz einer Kälteanlage im Winter bei Außentemperaturen, die die hier angesetzte Vorlauftemperatur von 20 Grad Celsius unterschreiten.

Wärmepumpe: Die Wärmepumpe ist als System aus mehreren Kompressoren gedacht. Nicht zuletzt aus Gründen der Redundanz sollten mindestens zwei Kompressoren zusammengeschaltet werden. Mit 1,8 Megawatt(th) ist die Wärmepumpe so ausgelegt, dass sich alle Prozesse gleichmäßig abdecken lassen. Die tägliche Betriebszeit liegt für die Nennleistung bei rund 18 bis 20 Stunden pro Tag und bietet damit nur geringfügig Spielraum zur Flexibilisierung. „Eine höhere thermische Leistung gekoppelt mit größerer Speicherkapazität böte zusätzlich die Möglichkeit zur Flexibilisierung des Strombezugs und damit die Option zur Ausnutzung von Strompreisschwankungen“, so Lohse.

Wärmespeicher: Beide Tanks werden als klassische Zweischichten-Speicher mit oberen und einem unteren Niveau auf Basis der genannten Temperaturen gefahren. Der Tank 85/70 dient vornehmlich zur Sammlung von Abwärme und der Flexibilisierung der Erzeuger (Wärmepumpe). Aufgrund der hohen potenziellen Abnahmelast durch die diversen Verbraucher ist die rechnerische Speicherdauer beschränkt auf rund zehn Prozent des Tagesbedarfs (oder knapp drei Stunden) und stellt keine echte Redundanz dar. Der Tank 31/20 dient allein der Bereitstellung der Wärme zur Nachheizung des Tanks 85/70.

Bei den Berechnungen sind die IBBL-Experten davon ausgegangen, dass die Kälteanlagen immer dann in Betrieb sind, wenn auch die Abnahmen aus dem Speicher 85/70 erfolgen. Lohse: „Für die Winterwochenenden, in welchen die Kälteanlagen nicht genügend Wärme liefern, sollte in der Detailplanung eine Nachheizmöglichkeit vorgesehen werden.“ Zugrunde gelegt wurde in den Berechnungen, dass die Verdampfung- und Kondensationstemperatur der Wärmepumpe jeweils fünf Kelvin von der oberen beziehungsweise unteren Zieltemperatur liegt. „Für die Nachheizung des Speichers 85/70 bedeutet dies, dass die Kondensationstemperatur des Kältemittels mindestens 90 Grad Celsius betragen sollte, damit ein Wärmeübergang ermöglicht wird“, erklärt er. Aus der Wärme des einen Teils der Druckgasenthitzung und der Kondensation der Kältemittel ergibt sich im Latentwärmespeicher so eine Mischtemperatur von annähernd 31 Grad Celsius.

Ohm‘sche Erhitzung: Für die Bereiche in der Molkerei, welche Temperaturen oberhalb von 100 Grad Celsius benötigen, hat das IBBL-Team elektrisch betriebene Erhitzer vorgesehen. Diese können entweder in direktem Produktkontakt eingesetzt werden (höherer Wirkungsgrad) oder in bestehende Heizwasserkreise eingebunden werden (höhere Produktqualität und -sicherheit). „Die Nutzung von Wärmepumpen für höhere Temperaturen scheitert gegenwärtig an den hohen Investitionskosten sowie den in jenen Bereichen geringen Energiemengen“, erklärt Bernd Lohse. Für den Fall, dass die Wärmepumpentechnologie günstiger werde, sei diese auch bei COP-Werten unterhalb von Zwei zu bevorzugen.

Auch bei der Rahm- und Molkenrahmerhitzung dient ohm’sche Erhitzung als Hauptquelle, jedoch sollte hier laut der IBBL-Experten grundsätzlich eine Anbindung an das Wärmenetz erfolgen, um die Aufheizung bei Betriebsbeginn mit verbesserter Effizienz abdecken zu können. „Das Netz des Speichers 85/70 liegt im unmittelbaren Umfeld des Betriebsraums. Ein Anschluss führt damit nicht zu einem übermäßigen Verrohrungsaufwand“, erläutert Lohse. Für den Werkmilcherhitzer und den Rohmilchpasteur könnte das Temperaturniveau gegebenenfalls nicht zur Hygienisierung ausreichen. Lohse: „Für den Fall sollten diese Erhitzer einen zusätzlichen ohm’schen Erhitzer erhalten, um die letzten Kelvin bis zur Erreichung der Zieltemperatur elektrisch decken zu können. Der Hauptteil der Wärme würde aber durch das Wärmenetz geliefert werden, der Strombedarf lässt sich damit vernachlässigen.“

Bilanzierung und Ausblick auf das Ziel 2045

ie CO2-Emissionen von 12.827 Tonnen für das Basisjahr 2023 lassen sich durch die 22 Maßnahmen des Transformationskonzepts um 5.135 Tonnen reduzieren, was den angestrebten 40 Prozent bis 2023 entspricht. „Die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen sind planerisch und technisch umsetzbar und beinhalten keine Lock-in-Effekte für fossile Energien. Zusätzlich haben wir in unserem Transformationsplan weitere, derzeit nicht bewertbare Möglichkeiten aufgezeigt, um zusätzliche Einsparungen realisieren zu können“, erläutert Bernd Lohse. Er ist optimistisch, denn: „Aufgrund der konservativen Art der Berechnungen zu möglichen Einsparungen und den weiteren Maßnahmen ist zu erwarten, dass eine deutlich höhere Einsparung realisiert werden kann.“ Das größte Potenzial birgt für ihn die Umstellung der Wärmeversorgung von dem Dampf- und Kondensatsystem auf das Heizwassersystem und die Ausnutzung von Umweltenergie beziehungsweise Abwärme durch Wärmepumpen. Die Wärmeverluste der Übertragungswege seien zwar auch bei einem Heizwassersystem vorhanden, „jedoch sind die Wärmeverluste pro Meter deutlich niedriger“, sagt Lohse.

Um das Ziel der Klimaneutralität (Scope 1 und Scope 2) zu erreichen, muss die Nutzung von fossilen Energieträgern im Werk vollständig eingestellt werden. Neben der Heizöl- und Propanversorgung betrifft dies auch die Mobilität. „Das wichtigste Element in der Umstellung zur Klimaneutralität lautet aus heutiger Sicht deshalb: Betrieb möglichst aller Anlagen und Systeme mit Strom“, betont Bernd Lohse. Abgesehen von den speziellen Erhitzern, Autoklaven, Rahmerhitzern und Kleinverbrauchern sollten dann bis 2034 keine Prozesse mehr auf Temperaturen oberhalb von 85 Grad Celsius angewiesen sein. Die im Wärmekonzept noch vorhandenen Propanverbräuche sollten sich langfristig, also bis 2045, komplett durch den dann installierten Kessel abdecken lassen. Werden wider Erwarten doch höhere Temperaturen benötigt, können entweder direktelektrische Systeme eingesetzt werden, wie bei den Autoklaven, oder das Temperaturniveau des Wärmenetzes 85/70 angehoben werden. Lohse: „Dies bedarf jedoch einer intensiven Betrachtung, da sich die damit einher gehende Verringerung des COP auf die gesamte Wärmemenge oberhalb von zehn Gigawattstunden pro Jahr auswirkt.“

Sind das Werk und die Mobilität auf Strom umgestellt, gilt es die CO2-Faktoren für die Erzeugung des genutzten Stroms weiter zu reduzieren. Bilanziell sei eine 100prozentige Eigenversorgung zwar machbar, berge aber einen großen Aufwand für Speichertechnologien und sei deshalb nicht ratsam. Die Experten des IBBL empfehlen, den Großteil der planbaren elektrischen Energiebedarfe durch eigene Photovoltaikanlagen, das eigene Blockheizkraftwerk und Power Purchase Agreements mit Dritten erneuerbar zu decken. Große PPA-Anbieter bieten dabei auch die Auswahl, welche Kriterien der gelieferte Strom haben muss. So ließe sich etwa die Region, die Art (Wind, Sonne) und auch der Status (nur Strom aus Neuanlagen) gezielt auswählen. „Für nicht planbare Mengen und zur Abdeckung des Restbedarfes kann und muss dann auf den allgemeinen Strommarkt zugegriffen werden, auch um Grünstrom zu beschaffen“, so Lohse abschließend.


Diesen Artikel finden Sie in LT 12/2025 auf den Seiten 16 bis 19.

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