So soll die Smart FOODFACTORY auf dem Lemgoer Innovation Campus aussehen. Als intelligente Lebensmittelfabrik wird sie ein überregionaler Impulsgeber für Innovationen sein.
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Prof. Stefan Witte ist Sprecher der smartFoodTechnologyOWL-Initiative und Vizepräsident für Forschung und Transfer an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Sein Ziel: Die Vernetzung der Potenziale von Digitalisierung und Industrie 4.0-Technologien zu integrierten Wertschöpfungs- und Produktionsketten.
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Prof. Hans-Jürgen Danneel leitet das Institut für Lebensmitteltechnologie.NRW Das digitale Abbild eines Lebensmittels ist für ihn ein wertvoller Wissenspool. Er und sein Team arbeiten an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe an hochdatenintensiven Sensoren, mit denen sich Nahrungsmittel realitätsnah abbilden lassen.
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Prof. Volker Lohweg spricht nicht von Automatisierung, sondern immer von intelligenter Automation. Dabei geht es dem Leiter des Instituts für industrielle Informationstechnik an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe um die Frage, wie er und sein Team die Lebensmittelproduktion multikriteriell optimieren können.

SCHUBKRAFT FÜR DIE DIGITALISIERUNG

Welche Herausforderungen und Chancen birgt die Digitalisierung für die Lebensmittelindustrie? LEBENSMITTELTECHNIK sprach mit Prof. Stefan Witte, Prof. Hans-Jürgen Danneel und Prof. Volker Lohweg von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe über die aktuellen Hürden und darüber, wie mit der Initiative smartFoodTechnologyOWL  der Technologietransfer in eine Branche gelingen soll, die sich dem Thema Industrie 4.0 bisher relativ zurückhaltend nähert.

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„Das digitale Abbild des Lebensmittels wird zum Wissenspool“

LT: Mit den Produktionsanlagen von heute lassen sich bereits hohe Qualitäts- und Produktivitätsstufen erreichen. Inwiefern können die Lebensmittelproduzenten darüber hinaus noch profitieren?

Lohweg: Durch die zeitnah zur Verfügung stehende Messergebnisse lassen sich aufwändige Qualitätsaufgaben deutlich reduzieren.Datenhandling- und Datenverknüpfung sind hier zwei wichtige Treiber, um Regelkreise zu schließen und somit der Schlüssel zu mehr Produktivität.Qualitätssicherung und Lebensmittelproduktion werden nicht mehr getrennt und unabhängig voneinander agieren, sondern als ganzheitlich integrierter Prozess funktionieren.

Danneel: Das digitale Abbild des Lebensmittels wird zum wertvollen Wissenspool.In dem Moment, wo ich die Möglichkeit habe, mit einem schnellen Closed-Loop-Feedback in den Prozess einzugreifen, bin ich nicht nur in der Lage, den immer gleichen Standard herzustellen, sondern auch persönlich auf die Verbraucher zugeschnittene Produkte. Hier beginnt die Diskussion um die viel beschworene Losgröße 1.

 

LT: Mit der Smart FOODFACTORY wollen Sie einen Großteil Ihrer Industrie 4.0-Technologien der Branche zugänglich machen. Welche Schubkraft versprechen Sie sich von diesem Projekt?

Witte: Das Thema Digitalisierung in der Lebensmittelindustrie unterstreicht mit unserer Smart FOODFACTORY noch einmal deutlich seine Relevanz für die Branche. Viele Partner aus dem Verbund smartFoodTechnologyOWL haben ihr Engagement zugesagt. Allen voran die Anlagenbauer und Lebensmittelproduzenten aus der Region Ostwestfalen-Lippe signalisieren ein sehr großes Interesse.

 

LT: Wie weit ist das Bauvorhaben vorangeschritten?

Witte: Spätestens Ende 2022 mit der Eröffnung der Smart FOODFACTORY sollen die kleinen und mittleren Unternehmen Unterstützung erhalten, um bei der zunehmenden Digitalisierung in der Lebensmittelbranche mitwachsen zu können. Aber auch den Big Playern am Markt steht die Tür offen.

Danneel: Wir sehen uns hier als Vorreiter bei der Modernisierung der Produktionsprozesse in der Lebensmittelindustrie. Mit der Smart FOODFACTORY wird die intelligente Automation greifbar und bekommt eine Verortung auf dem Innovation Campus in unmittelbarer Nähe zum ILT.NRW und inIT. Wir schaffen damit eine weit über die Region sichtbare Plattform, die alle erforderlichen Kompetenzen unter einem Dach bündelt.

 

LT: Welche technischen Möglichkeiten bieten sich Ihnen dann?

Danneel: Was die Ausstattung betrifft, sind uns bei der Lebensmittel- und Getränkeproduktion fast keine Grenzen gesetzt. Gerade was die Themen Plant-Based-Food und Nachhaltigkeit anbelangt, versprechen wir uns mit den Möglichkeiten in der Smart FOODFACTORY zusätzliche Impulse. Zur Erstausstattung wird beispielsweise ein Extruder zur Texturierung gehören. Ferner wollen wir eine Großanlage integrieren, die uns die Möglichkeiten für eine ganzheitliche Verwertung pflanzlicher Materialen bietet, um daraus veredelte Rohstoffe für die Lebensmittelproduktion zu gewinnen.

 

LT: Anfang 2021 sind Sie mit smartFoodTechnologyOWL in die vierjährige Intensivierungsphase gestartet. Rückblickend auf den Start im Jahr 2016: Wie lautet Ihr Fazit nach der jetzt ausgelaufenen Aufbauphase? 

Witte: Eine wichtige Erkenntnis, die wir in Zusammenarbeit mit unseren Partnern in der Aufbauphase gewinnen konnten, ist, dass sich die Prozesse ganz anders gestalten lassen als ursprünglich von uns gedacht. Nicht zuletzt deswegen konnten wir in dieser ersten Phase bereits Fortschritte auf allen Ebenen erzielen. Diese auf den industriellen Maßstab zu übertragen, ist wesentlicher Inhalt der Aktivitäten bis Ende 2024.

Danneel: Darüber hinaus hat uns die Aufbauphase deutlich vor Augen geführt, dass dieLebensmittelproduzenten zwar die Anwendungsfelder für Industrie 4.0 liefern, aber nicht über die Ressourcen für die Entwicklungsarbeit verfügen. Es ist vor allem der Nahrungsmittelmaschinenbau, der die Modernisierung der Branche vorantreibt ...

Lohweg: ... und deswegen werden wir uns in Zukunft noch stärker auf die Zusammenarbeit mit den Maschinenbauern konzentrieren. Gemeinsam mit unseren Partnern wollen wir die für die Lebensmittelindustrie relevanten Lücken schließen und die für die Food Branche spezialisierten Industrie 4.0-Technologien liefern.


Das Gespräch führten Mareike Bähnisch, freie Fachjournalistin für Prozesstechnik, und LT-Chefredakteur Thomas Wiese. Sie finden das Interview auch in der LT 3/21, die am 16. März erscheint.

 

„Schubkraft für die Digitalisierung”

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