IMPULSE FÜR DIE BRANCHE
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Herr Thiemann, welchen Stellenwert hat die Anuga FoodTec 2027 im internationalen Messekalender für Unternehmen aus der Prozess- und Verpackungstechnik?
Die Anuga FoodTec nimmt im internationalen Messekalender eine Schlüsselrolle ein, da sie als branchenübergreifende Plattform die gesamte Wertsch.pfungskette der Lebensmittel- und Getränkeproduktion abbildet – von der Rohstoffverarbeitung über Prozesstechnologie und Abfüllung bis zur Verpackung, Intralogistik und Qualitätssicherung. Für Unternehmen der Prozess- und Verpackungstechnik ist sie damit nicht nur Marktplatz, sondern strategischer Orientierungspunkt mit globaler Strahlkraft. Gerade in einem Umfeld wachsender Komplexität bietet sie einen kompakten Überblick über technologische Trends, regulatorische Entwicklungen und neue Geschäftsmodelle. Das macht sie zu einem Fixtermin für Entscheider aus Industrie, Handel und Forschung.
Welche strukturellen Veränderungen in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie sind seit der vergangenen Veranstaltung besonders prägend – und wie spiegeln sie sich 2027 wider?
Drei Treiber bestimmen aktuell die Roadmaps vieler Betriebe – und entscheiden zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit: Erstens der Umstieg auf vernetzte, modular skalierbare Linien mit h.herem Automatisierungsgrad. Zweitens Energieeffizienz mit Blick auf CO2-Kosten, etwa durch Wärmerückgewinnung und optimierte Antriebe. Drittens Compliance und Produktsicherheit, die Hygienic Design und digital dokumentierte Qualitätssicherung priorisieren.
Wie positioniert sich die Anuga FoodTec im Spannungsfeld zu anderen internationalen Leitmessen der Prozess- und Verpackungstechnik?
Während andere Veranstaltungen stärker segmentiert auf Verpackung oder Getränketechnologie ausgerichtet sind, verbindet die Anuga FoodTec Prozess- und Verpackungstechnik für sämtliche Food- und Beverage-Segmente unter einem Dach. Dieser ganzheitliche Ansatz macht Synergien sichtbar und bildet Innovationsketten vollst.ndig ab. Aussteller profitieren davon, dass ihre Lösungen nicht isoliert wirken, sondern als Teil kompletter Linien und im laufenden Betrieb bewertet werden können. Das reduziert Reibungsverluste in Auswahl und Integration.
Die Messe steht unter dem Leitmotiv "Navigate Complexity. Smart. Safe. Sustainable." Wie konkretisiert sich dieses Motto?
Wir übersetzen "Navigate Complexity. Smart. Safe. Sustainable." in ein kuratiertes Programm mit Guided Tours und Sessions, das Besucher gezielt durch die Inhalte führt. Smart steht für KI und Digitalisierung mit Echtzeitanalysen, Sensorik und intelligenter Vernetzung. Safe fokussiert Lebensmittel- und Cybersicherheit entlang der Prozesse. Sustainable adressiert Nachhaltigkeit mit dem Ziel, Energie und Wasser effizient zu nutzen und Kreisläufe sichtbar zu schlie.en. So erkennen Besuchende entlang typischer Problemstellungen schnell, welche Lösungen für ihre Anforderungen in Produktion und Projektumfeld wirksam sind.
„Der Nutzen entsteht, wo Technologien entlang realer Prozessketten zusammenwirken – genau das machen wir auf der Anuga FoodTec sichtbar.“
Wo sehen Sie derzeit die größten Innovationsdynamiken in der Wertschöpfungskette?
In der Primärverarbeitung sehen wir starke Dynamik bei kontinuierlichen Verfahren, inline messbarer Qualität und CIP-Optimierung. In der Verpackung entwickelt sich der Fokus hin zu materialeffizienten Strukturen, recycelgerechten Verbunden und hochdynamischen Pick-and-Place-Zellen. Querschnittlich gewinnen digitale Zwillinge für Inbetriebnahme und Service an Bedeutung. Diese Themen sind 2027 prominent platziert.
Automatisierung, KI und datengetriebene Produktion gelten als Game Changer. Wo liegen Chancen und Risiken?
Die Chancen liegen in Effizienzsteigerung, Ressourceneinsparung, höherer Transparenz entlang der Supply Chain und verkürzten Innovationszyklen. Risiken betreffen vor allem Cybersecurity, Investitionshürden und den Fachkräftemangel im digitalen Bereich. Entscheidend ist, Digitalisierung strategisch zu verankern und nicht isoliert umzusetzen – alles andere führt langfristig zu Ineffizienzen und steigenden Kosten.
Welche technologischen Lösungen bewerten Sie im Bereich Energie- und Ressourceneffizienz als besonders impulsgebend?
Im Fokus stehen Wärmerückgewinnung und Lastmanagement auf Anlagen- und Werkslevel, hocheffiziente Antriebe, adaptive CIP mit reduziertem Wasser- und Chemikalieneinsatz sowie Verpackungslösungen mit geringerem Materialeinsatz und geschlossenen Kreisläufen. Durch das Zusammenspiel von Technik und kontinuierlichem Monitoring im Prozess entstehen messbare und wirtschaftlich relevante Einsparungen. Bis 2027 gehen diese Lösungen in die breite Umsetzung.
Welche Perspektive bietet die Messe insbesondere dem Mittelstand?
Der Mittelstand profitiert besonders vom direkten Austausch mit internationalen Entscheidern. Die Messe bietet eine Plattform, um Nischenkompetenzen sichtbar zu machen und Partnerschaften aufzubauen. Gerade kleine und mittelständische Maschinenbauer sind häufig Innovationsführer – für sie ist internationale Sichtbarkeit oft der entscheidende Hebel für weiteres Wachstum.
Welche Rolle spielen Start-ups und Forschungseinrichtungen?
Sie sind Katalysatoren für neue Verfahren und digitale Services. Start-ups und Forschungseinrichtungen bringen neue Denkansätze in Bereiche wie alternative Rohstoffe, Digitalisierung und nachhaltige Materialien ein und fungieren als Innovationsbeschleuniger. Formate wie das Segment Science & Pioneering sowie dialogorientierte Programmpunkte schaffen Raum für Co-Creation und erm.glichen es, aus Pilotprojekten belastbare Serienlösungen zu entwickeln.
„Entscheidend ist, dass Lebensmittelhersteller die Digitalisierung strategisch verankern und nicht isoliert umsetzen.“
Wie fördert die Messe den Austausch zwischen Wissenschaft und Industrie?
Durch kuratiertes Matchmaking, Guided Tours und thematische Bühnen. Zusätzlich gehen wir strategische Partnerschaften ein, um diese als Multiplikatoren für den Technologietransfer zu nutzen. Ein Beispiel ist die erweiterte Kooperation mit PMMI als Brücke nach Nordamerika. Sie intensiviert den transatlantischen Austausch, bringt zusätzliche Anbieter sowie Fachvorträge aus den USA und Kanada nach K.ln und stärkt gleichzeitig die Sichtbarkeit europäischer Lösungen in Nordamerika. Als Weltleitmesse verstehen wir uns darüber hinaus als globale Plattform für den gesamten Markt. Neben Nordamerika stehen insbesondere Wachstumsregionen wie China, Indien, die Türkei und Korea im engen Austausch mit uns.
Welche Entwicklungen werden die Branche in den kommenden Jahren prägen?
In fünf Jahren werden wir eine deutlich stärker digitalisierte, energieoptimierte und regulatorisch eingebettete Produktion sehen. Datengestützte Linien und energieoptimierte Utilities sind bereits heute sichtbar.
Welchen Rat geben Sie der Branche mit?
Die Branche sollte Komplexit.t nicht als Risiko, sondern als strategische Aufgabe begreifen. Wer Nachhaltigkeit und digitale Skalierung verzahnt und in integrierte Geschäftsmodelle überführt, sichert sich langfristig Wettbewerbsvorteile und stärkt die eigene Resilienz. "Navigate Complexity" liefert dafür den Rahmen, übersetzt Vielschichtigkeit in steuerbare Architekturen und vernetzt Datenflüsse mit der Produktion zu messbarer Leistung.
Das Gespräch führte LT-Chefredakteur Thomas Wiese.


