AUCH OHNE SCHUTZZAUN SICHER
Seite 1/1 4 Minuten
Bis die Süßwaren aus der Produktion der Alfred Ritter GmbH & Co. KG endgültig in die Auslieferung gehen können, steht ihre Konfektionierung im Logistikzentrum Reichenbach bei Stuttgart an. Das heißt: das Verpacken der beliebten Schokoladentafeln und anderer primärverpackter Spezialitäten in Regalkartons oder Displays für den Handel sowie das abschließende Palettieren der Gebinde zum Abtransport per Lkw. Gerade für diesen letzten Schritt in der Verpackungskette fehlte es in der Vergangenheit allerdings noch an einer effizienten und vor allem flexibel einsetzbaren Automatisierungslösung, um den zentralen Palettierer auch an entfernteren Stellen – zum Beispiel am Verladetor – gezielt punktuell zu ergänzen. „Die Automatisierung des Palettierprozesses sollte auf möglichst engem Raum passieren, ohne großen Aufwand und natürlich eine hohe Akzeptanz bei unseren Mitarbeitenden erreichen“, präzisiert der Standortleiter Markus Fuchs die Anforderungen.
Individuell parametrierbar
Auf der Suche nach einer passenden Lösung für diese spezielle Aufgabe kam die Bayer GmbH & Co. KG ins Spiel. Am Firmensitz im mittelfränkischen Wörnitz plant und realisiert das 1999 gegründete Unternehmen mit seinen rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Automatisierungskonzepte in den Bereichen Robotik, Engineering und 3D-Laser-Vermessung. Seit 2024 hat man das schutzzaunlose Palettiersystem PLT HC im Portfolio. Drei Ziele standen bei seiner Entwicklung besonders im Fokus, wie Geschäftsführer Christian Bayer zusammenfasst: „Wir haben nach einer Palettierlösung gesucht, die beim Kunden schnell und möglichst günstig realisiert werden kann, die sich dezentral einsetzen lässt und die einfach und dennoch individuell parametrierbar ist.“ Im Herbst 2024 nahm Ritter das erste PLT HC in Betrieb. Aufgrund der guten Erfahrungen folgten bis Ende 2025 noch drei weitere Anlagen.
Das modular aufgebaute Standard-System besteht aus einem verfahrbaren Sockel, auf dem ein kollaborativer Roboter sitzt. Dieser kann jeweils eine Europalette zu beiden Seiten des Sockels mit höchster Geschwindigkeit und Präzision bestücken. Die entsprechenden Sicherheitstechnikkomponenten – beispielsweise der Bodenscanner – lassen sich ebenfalls modular kombinieren.
Die zu palettierenden Objekte werden über eine projektspezifische, aber dennoch standardisierte Fördertechnik zugeführt, die die Produkte schon entsprechend vorgruppiert. „Besonders diese Kombination mit dem Gruppierband sorgt für einen ruhigen und stabilen Ablauf“, erläutert die zuständige Projektingenieurin Christina Krupp von Ritter. Der Anbau eines zusätzlichen Pufferspeichers zum Einbringen von Zwischenlagen ist möglich. Als weitere Option kann der Sockel für den Einsatz in hygienesensitiven Umgebungen auch in Edelstahl ausgeführt werden.
Ein zentrales Element der Lösung ist der von Bayer entwickelte Vakuumgreifer. Dieser ist geeignet für das Handling von Kartons, Trays, Kanistern und Kleinladungsträgern sowie für Sonderanwendungen. Als Roboter arbeiten im Palettiersystem standardmäßig Cobots der Baureihe HC (Human Collaborative) von Yaskawa mit wahlweise zehn, 20 oder 30 Kilogramm Tragkraft.
„Der Einsatz eines Cobots stand für uns schon relativ früh fest, denn wir wollten ein schutzzaunloses Palettiersystem“, erinnert sich Geschäftsführer Bayer. „Die Entscheidung für Yaskawa fiel dann recht schnell, denn als unsere Kooperation vor einigen Jahren begann, war Yaskawa der erste Hersteller von industrietauglichen Cobots mit Traglasten von 20 und sogar 30 Kilogramm überhaupt. Das war uns wichtig, denn wir wollten einen möglichst breiten Anwendungsbereich abdecken können.“
Alle Cobots der Baureihe HC sind in staub- und wasserdichter IP67-Schutzklasse ausgeführt und nutzen lebensmittelgeeignetes Schmierfett. Die große Reichweite der 20- und 30-Kilogramm-Modelle erreicht auf einer Standard-Euro-Palette jeden Punkt und erlaubt eine Stapelhöhe von zwei Metern. Die maximale Arbeitsgeschwindigkeit liegt je nach Traglast bei bis zu zwei Meter pro Sekunde.
Ein Schutzzaun ist im abgesicherten Betrieb nicht erforderlich, so dass der Roboter leicht und platzsparend in bestehende Umgebungen integriert werden kann. Für die dafür notwendige Kraftmessung inklusive Dokumentation verfügt Bayer über ein eigenes Messsystem, sodass jedes Palettiersystem PLT HC ab Werk CE-zertifiziert ist und sofort in Betrieb genommen werden kann.
Autonome Robotersteuerung
Die Idee eines flexibel und ortsunabhängig einsetzbaren Palettiersystems wird auch steuerungsseitig unterstützt: Die Programmierung von Roboter, Greifer und Peripheriegeräten erfolgt über die Robotersteuerung Motoman YRC1000. Diese arbeitet autonom, kann auf Wunsch aber ebenso über Schnittstellen in übergeordnete Systeme eingebunden werden.
Obwohl das Palettiersystem als standardisierte Lösung konzipiert ist, lässt sie sich für verschiedenste Anforderungen konfigurieren. Für Bayer eine Selbstverständlichkeit, wie Geschäftsführer Christian Bayer erklärt: „Individualisierung ist unsere Stärke.“ Bei Ritter war zum Beispiel ein besonderes Lagebild mit 40 Kartons pro Lage vorgegeben. Das Palettiersystem löst diese Aufgabe, indem der Greifer immer jeweils zwei mal fünf Kartons gleichzeitig aufnimmt und diese dann in zwei Schritten und teilweise um 90 Grad versetzt an den passenden Stellen platziert. Außerdem lässt sich die Anlage jederzeit ohne großen Aufwand auf neue Größen und Produkte umrüsten beziehungsweise umprogrammieren.
Für das entsprechende Steuergerät, das Smart Pendant, hat Bayer eigens ein anlagenspezifisches User-Interface programmiert. Auch Logistik-Mitarbeiter ohne automationstechnischen Hintergrund finden sich damit nun leicht in der Bedienung der Anlagen zurecht.
Monotone, körperlich belastende Tätigkeiten wie klassische Palettieraufgaben stehen beispielhaft für Jobs, die im zunehmenden Wettbewerb um Arbeitskräfte nur noch schwer zu besetzen sind. Gleichzeitig sind sie dezentral nicht leicht zu automatisieren. Genau für diesen speziellen Marktbedarf hat Bayer sein schutzzaunloses Palettiersystem PLT HC entwickelt. Durch einen standardisierten und modularen Aufbau ermöglicht es kurze ROI-Zeiten. Optional ausgestattet mit einem Kamerasystem, lässt es sich zudem auch für Anwendungen bei der Maschinenbestückung einsetzen.
Darüber hinaus zeichnet sich das System nicht nur durch seine Flexibilität und Effizienz aus, sondern auch durch seine Robustheit, eine hohe Verfügbarkeit und nicht zuletzt durch seine konsequente Nutzerfreundlichkeit. Dazu tragen wesentlich auch die industrietauglichen Cobots der Baureihe HC von Yaskawa bei. Der Schokoladenhersteller Ritter teilt diese Einschätzung: Seit ihrer Inbetriebnahme im Herbst 2024 beziehungsweise 2025 laufen die inzwischen vier Anlagen dort störungsfrei und unterstützen wirkungsvoll die Konfektionierung der Produkte am Logistik-Standort Reichenbach. „Für uns ist das der Schritt in die Zukunft“, resümiert Markus Fuchs. „Die Cobots arbeiten sicher, lassen sich in jede Linie integrieren und sind für unsere Mitarbeitenden eine große Hilfe.“
Diesen Artikel finden Sie in LT 5/2026 auf den Seiten 42 bis 44.
Ihr Weg zum Abo: Klicken Sie hier!


